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29. Oktober 2020:

Mich wundert’s, wenn ich noch traurig bin

Gedanken in Coronazeiten

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Seine Vorliebe war die Malerei von stimmungsvollen Landschaftsbildern. © FL

Der Maler Hans Thoma (1839-1924) war lange Jahre Direktor der Kunsthalle in Karlsruhe und Professor an der Akademie der Künste. 
Er hatte einen Blick für Menschen und schaute genau hin, wie die Welt in Wirklichkeit ist. 
Seine Vorliebe war die Malerei von realistischen Portraits und stimmungsvollen Landschaftsbildern. 
Es wird überliefert, dass er durch die Wahrnehmung dessen, wie Mensch und Natur sich darstellen auch zu philosophischen Gedanken über sich selbst kam: 
In Anlehnung an den geistlichen Dichter Johann Scheffler, den so genannten „Angelus Silesius“ (den „Schlesischen Boten", *1624-1677) formte Thoma seine Gedanken in folgende Reime: „Ich kam, weiß nit woher, ich bin und weiß nit wer, ich leb', weiß nit wie lang, ich sterb' und weiß nit wann, ich fahr', weiß nit wohin: Mich wundert's, dass ich fröhlich bin."
Vielleicht ist das momentan auch Ihre Grundstimmung, liebe Leserinnen und Leser.
Vielleicht sind Sie gerade traurig, verunsichert durch Corona oder niedergeschlagen.
Melancholie oder Depressionen können einen Menschen packen.
Auch als Christen dürfen wir uns Traurigkeit zugestehen. Jedes ehrliche Gefühl muss ernst genommen werden.
Manchmal erlebe ich aber bei Gesprächen, dass sich Menschen, so paradox es klingt, auch verlieben können in ihre Traurigkeit. Sie gestatten sich keine Freude mehr.
Vielleicht haben sie Angst vor Gefühlsschwankungen: Vielleicht haben sie Angst davor,
dass Freude zu schnell dann wieder abstürzen könnte in noch tiefere Traurigkeit. Außerdem könnten dann die anderen Menschen ja denken, es gehe einem gut und müssten
darum nicht mehr helfen oder sich kümmern.
So vergräbt man sich lieber in einer melancholischen Stimmung.
Jesus Christus ermutigt uns, sich selbst anzunehmen mit allen Gefühlen: „Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst" (Markusevangelium 12,31). Sich selbst lieben heißt: „Ich darf
mich so nehmen, wie ich bin. Ich darf meine Gefühle ernst nehmen. Ich darf mich meiner Traurigkeit stellen, ich darf mir aber auch Freude zugestehen.
Ein Theologe hat einmal gesagt: „Die Freude lässt sich auf dem Fenstersims nieder und wartet, ob du sie willkommen heißt."
Wir können also auch ein wenig dazu helfen, dass die Freude wirkt.
Der Maler Hans Thoma kommt in einem zweiten Vers zu der Ansicht: „Da mir mein
Sein so unbekannt, geb' ich es ganz in Gottes Hand, die führt es wohl, so her wie
hin: Mich wundert's, wenn ich noch traurig bin."
Ich wünsche Ihnen getroste und vielleicht sogar ein bisschen auch eine freudige Woche.

Gesehen bei: Pfarrer Bernd Töpfer, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Marktheidenfeld

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