Website > Startseite
11. Juli 2018:

Zuviel Geschwätz!

Gedanken von Pfarrer Thomas Weiß, Luthergemeinde Baden-Baden

Geschwätz.jpg

Geschwätz, FL

Wie neulich im Zug, Ruheabteil: „Was ich? Du hast doch angefangen, du hast doch …“ usw … wollen wir mal nicht zu intim werden.
Der Smartphonebeschreier nahm jedenfalls kein Blatt vor den Mund, und da hör ich Geschichten, die ich eigentlich gar nicht wissen will.
Oder im Bus der eitle Fatzke: „Ha, dem hab ich’s gezeigt, der reißt sein Maul nicht mehr auf …“, was der Telefonierer für die Galerie freilich ganz hervorragend tut.
Das nervt.
Warum muss ich unfreiwillig Zeuge von Großschwätzern und aufgeplusterten Dumpfrednern sein?
Überhaupt: Es liegt viel zu viel Geschwätz in der Luft.
Die Talkshows schau ich mir schon lang nicht mehr an, so manche Meldung in Rundfunk und Fernsehen ist reines Wortgehülse („Möglicherweise kommt der Ministerrat noch zu einer Einigung – und damit zurück in Studio“. Und was ist diese Nachricht jetzt wert?) und ganz hohles Wortgesülze begegnet mir allenthalben im Politsprech, im Showbusiness, in mancher Werbung, die mich für einen Dummbatzen hält.

Können die nicht alle mal ruhig sein, für ein paar Minuten wenigstens, damit der Mensch mal wieder durchatmen kann und die Ohren frei werden und der Wortgeklingel-Tinnitus abklingt?
Als ich ein Jüngling war, gab’s mal den autofreien Sonntag – ich plädiere für den geschwätzfreien (und wäre bereit, auch mal in meiner Kirche die Klappe zu halten!).

Wie wohltuend, dass Gott so still ist!
Oft ärgert mich das, weil ich finde, er könnte doch mal laut werden und den Großspurigen die Meinung geigen, er könnte doch mal Frieden befehlen und den Gleichgültigen in den Ohren liegen.
Aber heut bin ich ganz froh, dass Gott schweigen kann, dass er nicht auch noch in den Lärm einstimmt und mächtig-krächzend seine Stimme erhebt.
Denn was ich brauche, um das Geschwätz auszuhalten, das ist ein Haus aus Stille, ein Ort des Schweigens, da ich nichts sagen muss, da ich still sein darf und lauschen kann.
Da ich frei bin vom lärmenden Gedränge und hören kann – nicht, was mir die Schwätzer angedeihen lassen, sondern, was mir wirklich gut tut.
Sätze wie dieser zum Beispiel: „Fürwahr, meine Seele ist stille und ruhig geworden, wie ein kleines Kind bei seiner Mutter, wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir.“ (Psalm 131)
Sehr verheißungsvoll, denn „durch Stillesein … werdet ihr stark“ (Jesaja 30).

Thomas Weiß
Evang. Pfarrer
Evang. Luthergemeinde Baden-Baden

Bilder des Monats:

Stadtkirche_Zeppelin_K.jpg